Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

3Jun/110

Aus Liebe zur Heimat

Mit dem egozentrisch geprägten Umweltschutz ist dem einst romantisch motivierten Naturschutz vor vier Jahrzehnten ein Begleiter erwachsen, der auch mal Konflikte bedeutet.Von Björn Lohmann

Wer heute in der Heimatstadt Richard Wagners eine Leipziger Lerche bestellt, erhält ein kleines Mürbeteigtörtchen. Wagner hätte da wohl verdutzt geguckt. Zu seinen Lebzeiten – im 19. Jahrhundert – hätte der berühmte Komponist eine gebratene Feldlerche erwartet – und als weiteren Gang womöglich Schnepfendreck geordert. Noch vor 150 Jahren galten Singvögel auch in Deutschland als Delikatesse. Da überrascht es wenig, dass eine der ersten Organisationen in der Geschichte des Naturschutzes 1899 der Bund für Vogelschutz war, der spätere Deutsche Bund für Vogelschutz (DBV).
Die Wurzeln der Naturschutzbewegung liegen bereits zwei bis drei Jahrzehnte früher. 1872 wird in den USA mit dem Yellowstone-Park der weltweit erste Nationalpark gegründet. „Die Motivation war damals keine ökologische“, erklärt Hans-Werner Frohn, der wissenschaftliche Leiter der Stiftung Naturschutzgeschichte in Königswinter: „Der Schutz der Naturmonumente diente der Identitätsstiftung, denn die verhältnismäßig junge Nation konnte auf keinen Kölner Dom oder Vergleichbares verweisen.“ Notwendig wurden die Schutzmaßnahmen unter anderem dadurch, dass die amerikanischen Siedler immer mehr Flächen beanspruchten, für Dörfer, Landwirtschaft und Rohstoffgewinnung.

Romantisch-schwärmerische Anfänge

In Deutschland hatten die Ursprünge des Naturschutzes eher romantisch-schwärmerischen Charakter, wie eine Dauerausstellung der Stiftung Naturschutzgeschichte im Schloss Drachenburg erläutert. Bereits 1803 hatte Johann Wolfgang von Goethe gefordert: „Wenn der Naturforscher sein Recht einer freien Beschauung und Betrachtung behaupten will, so mache er sich zur Pflicht, die Rechte der Natur zu sichern.“ 1880 veröffentlichte Ernst Rudorff in den Preußischen Jahrbüchern den Aufsatz „Ueber das Verhältniß des modernen Lebens zur Natur“ und übte darin eine Fundamentalkritik an der Land- und Forstwirtschaft. Damit gilt der gelernte Musiker als einer der Begründer von Natur- und Heimatschutz.

„Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts erlebten die Menschen in Deutschland, wie die Flurbereinigung und die Intensivierung der Landnutzung das Landschaftsbild veränderte“, sagt Frohn. Und dieser Prozess bedrohte eben auch die Lebensräume der Singvögel, die als hübscher Teil der Heimat wahrgenommen wurden. „Wohlgemerkt der Singvögel“, betont Ralf Schulte von Naturschutzbund Deutschland (NABU), der 1990 aus dem DBV hervor ging. „Greifvögel genossen keine besondere Aufmerksamkeit“, erklärt der Experte, „Artenschutz und Wissenschaft spielten in den Anfängen keine Rolle.“ Als Folge dieser Entwicklung wurde der Verzehr von Singvögeln um 1900 tabuisiert; und der Erhalt der hübschen Lüneburger Heide gilt als Muster für Naturschutz, obwohl sie eigentlich der Paradefall einer zerstörten Naturlandschaft ist.

Unter den ersten Naturschützern, vor allem Bildungsbürgern, fiel eine Gruppe ins Auge: „Menschen, die in Behörden mitverantwortlich waren, weil sie die Eingriffe in die Natur genehmigen mussten, diente der Naturschutz als Ventil, um ihren Job zu konterkarieren“, sagt Schulte.

Obwohl der Naturschutz 1919 Eingang in die Weimarer Verfassung fand und 1920 ein kleines Naturschutzgesetz in Preußen verabschiedet wurde, stand die staatliche Unterstützung bereits 1922 auf der Kippe: „Naturschutz sollte nichts kosten und keine Rechte einfordern“, erläutert Frohn einen Gedanken, der auch heutigen Ohren vertraut klingt.

Nationalsozialisten erfanden Landnutzungspläne

Vielleicht weil es vom Landschafts- und Heimatschutzgedanken kein weiter Weg zum Nationalismus ist, hat in diesen Jahren vor allem das rechte Bildungsbürgertum die Bewegung getragen, ohne Unterstützung der Parteien. Gab es politische Unterstützung, kam die eher von Mitte-Links. Allerdings gehen zwei der wichtigsten heutigen Instrumente des Natur- und Landschaftsschutzes, die Landschaftsplanung- und pflege, auf die Zeit des Dritten Reichs zurück: Infolge der Ostfeldzüge standen die Nazis vor der Frage, wie sie den eroberten Gebieten den germanischen Stempel aufdrücken konnten – und ließen entsprechende Nutzungspläne erstellen.

In den 1950er Jahren gilt der Naturschutz als Störer des Wiederaufbaus, der Bundesrat beschließt 1951 sogar, den Vorgänger des Bundesamts für Naturschutz aufzulösen – was ein Jahr später aufgehoben wird. Erst in den 1960er, als umfangreiches Planen en vogue wird, gewinnt der Naturschutz wieder an Einfluss – um nur wenig später in den Windschatten einer neuen Bewegung zu geraten: des Umweltschutzes.

„Der Naturschutz umfasst primär Arten- und Landschaftsschutz. Umweltschutz ist eher technisch aufgestellt“, differenziert Frohn. Oder mit den Worten von NABU-Mann Schulte: „Umwelt ist, was mich als Mensch umgibt – viel mehr als nur Natur.“ Und das waren in den 1970ern nicht nur schöne Dinge: Die Emissionen des Ruhrgebiets breiteten sich aus, die Verkehrsbelastung nahm zu, die Auswirkungen auf die Gesundheit wurden spürbar. „Die Menschen fragten sich: Wenn wegen DDT die Vögel verschwinden, was macht das Pestizid dann mit uns?“, erläutert Schulte.

Umweltschutz ist nicht gleich Naturschutz

Die Unterscheidung, Umweltschutz befasse sich eher mit überregionalen, ja globalen Themen, während Naturschutz sich um das Biotop vor Ort kümmere, will Naturschutzhistoriker Frohn nicht gelten lassen: „Wandernde Arten sind ebenso ein internationales Thema wie der Schutz der Wälder vor saurem Regen.“ In den 1980ern verliert die Unterscheidung dann auch etwas an Bedeutung. „Vielen Menschen wird klar, dass eine intakte Natur beispielsweise die Grundlage für eine gesunde Ernährung ist“, sagt Schulte. Auch der NABU öffnet sich in diesen Jahren erstmals dem Umweltschutz, und mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) entsteht 1975 die erste große Organisation, die sich beide Themen auf die Fahne geschrieben hat. „Der Himmel über der Ruhr, saurer Regen, die Gefahren der Atomkraft waren und sind Probleme, die Natur, Mensch und Kultur betreffen“ sagt BUND-Sprecher Norbert Franck.

Galt Umweltschutz mit Abgasfiltern für Fabriken anfangs als Kostenfaktor und Wirtschaftshemmnis, sehen heute viele Unternehmen Ökonomie und Ökologie im Einklang. Auch in Politik und Gesellschaft sind Umwelt- und Naturschutz längst mehrheitsfähig – zumindest, solange es um die abstrakte Zustimmung geht. In der Praxis kämpfen beide Bewegungen mit Widersprüchen zwischen Anspruch und Wirklichkeit – nicht nur dann, wenn jemand mit dem Porsche zum Bioladen fährt. So verzeichneten Ökostromanbieter zur Zeit zwar Zuläufe, aber dem Ausmaß der Anti-Atom-Proteste entspräche das bei weitem nicht: „Der Wunsch, alles zu tun, was man will und dabei ökologisch zu leben, ist ein Widerspruch, den manche nicht auflösen können“, urteilt NABU-Experte Schulte.

Wie wird ein Mensch zum Umwelt- und Naturfreund?

Schulte hält es für einen Teil der menschlichen Natur, dass unser Verhalten auf Opportunismus statt Nachhaltigkeit ausgelegt ist. „In der Praxis sind Arbeitsplätze wichtiger als der Schutz des Feldhamster“, sagt Schulte. Wie man dennoch Umwelt- oder Naturschützer werde, sei nicht sicher geklärt: „Es gibt Neurobiologen, die an eine frühkindliche Prägung glauben. Wer im Kindergartenalter den Bezug zur Natur erfährt, bei dem setzt sich das fest.“ Später erfolge ein Wandel zum Umwelt- oder Naturschützer meist nur noch in Folge massiver persönlicher Betroffenheit. „Es muss erst weh tun, damit sich was ändert“, bedauert Schulte.

Aktuell stehen Natur- und Umweltschützer gleichermaßen im Schatten einer neuen Bewegung: des Klimaschutzes. Der zeigt auch, dass beide Bewegungen trotz aller Annäherung noch immer unterschiedliche Ziele verfolgen – immer dann, wenn der Ausbau der erneuerbaren Energie in Konflikt gerät mit dem Artenschutz. Eine Zerreißprobe für eine Organisation wie den BUND? Ganz und gar nicht, findet deren Sprecher Franck und spricht von „lösbaren Herausforderungen“. Bei der Gewinnung umweltfreundlicher Energie müsse eben auf Naturverträglichkeit geachtet werden. Dann klappt es beispielsweise auch mit der modernen Offshore-Windkraft und einem alten Bekannten: dem Vogelschutz.

Veröffentlicht in: Süddeutsche Zeitung

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