Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

4Nov/110

Heftiger als Big Brother

Das Mars500-Projekt endet heute: Sechs Freiwillige lebten 520 Tage lang zusammen in einer Raumschiff-Nachbildung

Von Björn Lohmann

Es war ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Diego Urbina, Wang Yue und Aleksandr Smolejewski, als sie am 14. Februar als Erste einen Fuß auf den Mars setzten – einen Mars, der sich in einem Container auf einem russischen Parkplatz befindet. Es war auch der Höhepunkt des längsten Isolationsexperiments der Raumfahrt. Heute endet es.

Um elf Uhr unserer Zeit wird sich die Luke des Containers öffnen. Zum ersten Mal seit dem 3. Juni 2010 werden die insgesamt sechs Freiwilligen des Forschungsprojekts „Mars500“ ihre Isolation in
einer Raumschiffnachbildung verlassen. Hinter ihnen liegt ein simulierter Flug zum Roten Planeten, eine Generalprobe, wie Menschen psychisch und gesundheitlich eine solche Reise überstehen. Hinter ihnen liegen zahlreiche Experimente, aber auch Monate eintöniger Routine – und eine Überwachung, gegen die der Container der Fernsehshow „Big Brother“ harmlos ist.

Kameras erfassten fast jeden Winkel des nachgebildeten Raumschiffs, kleine Peilsender verrieten, wer sich häufig mit wem traf – und wem aus dem Weg ging. Blut- und Urinproben gehörten fast täglich zur Routine, ebenso wie die Auswertung der beim Fitnesstraining erbrachten Leistungen. Auch außerhalb der Raumfahrtszene ließ das Gemeinschaftsprojekt der europäischen und russischen Raumfahrtagenturen Forscherherzen höher schlagen: Wann hat man schon mal die Gelegenheit, anderthalb Jahre lang auf das Gramm Salz genau zu verfolgen, was ein Mensch isst und wie sich das auf seine Gesundheit auswirkt?

Mediziner der Universität Erlangen haben beispielsweise bei Mars500 getestet, ob eine halbierte Salzzufuhr auch langfristig den Blutdruck senken kann. Tatsächlich war das der Fall, obwohl die „Astronauten“ nicht einmal an Bluthochdruck litten. Mit nur drei Gramm weniger Salz am Tag könnten somit allein in den USA jährlich 50 000 bis 100 000 Herzinfarkte und Schlaganfälle vermieden werden, schätzt der zuständige Mediziner Jens Titze.

Bereits das 105 Tage lange Vorläuferprojekt entdeckte erstmals, dass auch der Hormonspiegel von Männern periodisch schwankt. Bei Mars500 sollte er näher analysiert werden. So schwankt das
Dursthormon Aldosterol im 28-Tage-Rhythmus, das Sexualhormon Testosteron hingegen könnte auch einen Zyklus von nur sieben oder 14 Tagen haben.

Für die Raumfahrt hat sich das Projekt ebenfalls gelohnt. Die sechs Teilnehmer aus Russland, Frankreich, Italien und China haben die lange Zeit erstaunlich gut überstanden, einschließlich künstlicher Krisen wie einem von außen erzwungenen Stromausfall. Selbst wenn sie zwei Monate vor ihrer Heimkehr über psychische Erschöpfung klagten – vorzeitig aussteigen hätte dennoch keiner gewollt.

Geholfen hat den Isolierten jede noch so kleine Abwechslung des streng regulierten Alltags, die durchzuführenden Experimente ebenso wie Geburtstagsfeiern – für die die Geschenke der Verwandten
mehr als ein Jahr lang in Kisten vor sich hin staubten. Außerdem gab es regelmäßig Funkkontakt mit der Heimat, ganz realistisch mit bis zu 20 Minuten Verzögerung beim Eintreffen der Nachrichten.
Der Höhepunkt der unbewegten Reise war selbstverständlich die Landung auf dem Mars. Gleichzeitig stellte das Ereignis aber auch eine besondere psychologische Herausforderung dar, da nur drei
Personen das simulierte Raumschiff verlassen durften, die anderen im „Orbit“ verweilen mussten, das Ganze aber als Gemeinschaftserfolg verbucht werden sollte.

Heute jedenfalls kehren alle zurück. Niemand ist dem anderen an die Gurgel gegangen, die Experimente sind absolviert. Ein paar letzte medizinische Untersuchungen stehen an, die Wissenschaftler haben jede Menge auszuwerten. Der Rekord, 520 Tage in Isolation gelebt zu haben, könnte noch über 2033 hinaus bestand haben, dem Jahr, in dem die Europäische Weltraumagentur erstmals tatsächlich Menschen auf den Mars bringen will. Denn dann entfällt vielleicht der Rückflug: Im Raum steht der Vorschlag, rüstige Raumfahrtrentner auf die Reise zu schicken, die nach der Landung auf dem Mars dort forschen – bis zum Tod. Das wäre mehr Pioniergeist für die Wissenschaft, als ihn die Mars500-Crew bewiesen hat.

Veröffentlicht in: Neue Rhein Zeitung/Neue Ruhr Zeitung

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