Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

21Jun/110

Unser Mann im All

Ulf Merbold war der erste Bürger der Bundesrepublik im Weltraum. Gestern wurde der promovierte Physiker 70 Jahre alt

Von Björn Lohmann

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, da waren sie zusammen in einem Hotelzimmer in Riad: Ulf Merbold, der erste bundesdeutsche Bürger im Weltall, und Sigmund Jähn, der ihm als DDR-Bürger fünf Jahre zuvorgekommen war. Dass die einstigen Konkurrenten zum Zeitpunkt des Mauerfalls schon Jahre befreundet waren, ist symptomatisch für Merbolds Raumfahrerkarriere.

„Der Start ist am dramatischsten“, sagte Merbold später über seine Raumflüge – und hätte auch seine Kindheit meinen können. Ulf Dietrich Merbold wurde am 20. Juni 1941 in Greiz im Vogtland geboren, nur 40 Kilometer entfernt vom damals vier Jahre alten Jähn. Merbolds Vater wurde nach Kriegsende von der Roten Armee verhaftet und starb drei Jahre später im Speziallager Nr. 2 Buchenwald. Während Merbolds Mutter als Lehrerin Geld verdiente, versorgten ihn seine Großeltern.

Als ihm die DDR nach dem Abitur wegen fehlender Parteinähe das Studium verwehrte, reiste Merbold nach Ostberlin und ging – Monate vor dem Mauerbau – in den Westen. Dort muss er noch einmal ein
Jahr die Schulbank drücken, da sein DDR-Abschluss nicht anerkannt wird. Er beginnt sein Physikstudium in West-Berlin und beendet es in Stuttgart, wo seine Tante wohnt. Er promoviert und forscht ab 1973 am Max-Planck-Institut für Metallforschung.

„Nach zehn Jahren Physik habe ich mir dann die Frage gestellt: Möchtest du noch einmal was anderes machen?“, verriet Merbold letztes Jahr in einem Interview. Er habe sich also die Wochenendausgabe einer großen Tageszeitung gekauft und darin die Anzeige entdeckt: „Wissenschaftler gesucht für Raumfahrtmission“. Merbold bewirbt sich zusammen mit 2000 anderen – und wird ausgewählt.

Eine sinnliche Erfahrung

Ein Kindheitstraum sei das nicht gewesen, erzählt der Vater zweier Kinder. „Damals gab es noch gar keine Raumfahrt.“ Und als Gagarin 1961 als erster Mensch ins All startete, da habe er geglaubt, dass das eine Sache der Supermächte sei und zu seinen Lebzeiten kein Deutscher in den Weltraum fliegen würde. „Und dann wurde ausgerechnet ich es“, freut sich Merbold noch heute. Am 28. November 1983 startete er mit dem Space Shuttle Columbia und dem Forschungsmodul Space Lab an Bord ins Weltall.

72 wissenschaftliche Experimente führte die Crew durch, von Biologie bis Plasmaphysik. Ihnen sollen nach eigenem Bekunden auch Merbolds Gedanken vor dem Start der Raumfähre gegolten haben: „Kann ich allen Wissenschaftlern von ihren Experimenten brauchbare Ergebnisse liefern?“, habe er sich gefragt. Der Start selbst habe dann alle Gedanken abgeschüttelt. Das sei „eine sinnliche Erfahrung, die man mit Worten nicht erklären kann“, schwärmt Merbold noch knapp drei Jahrzehnte später.

Fortan arbeitet der leidenschaftliche Segelflieger für die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Er ist es auch, der nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion voran bringt. Im Januar 1992 ist er erneut im All, forscht eine Woche lang an Bord der Raumfähre Discovery. Nur zwei Jahre später, im Oktober 1994, bricht er als erster ESA-Astronaut zur russischen Raumfähre Mir auf – es wird wahrscheinlich sein letzter Flug ins All gewesen sein.

Politiker ins All schießen

Der Raumfahrt diente der Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2004 in der Ausbildung von Astronauten und an der Entwicklung der Internationalen
Raumstation. Auch im Ruhestand arbeitet er für die ESA als Berater und hält Vorträge zur Wissenschaft im Weltraum. Die sei nämlich erstens nicht so teuer, wie häufig dargestellt, und zweitens ermögliche der Weltraum außerhalb der Erdatmosphäre und in der Schwerelosigkeit Versuche, die auf der Erde unmöglich oder zeitaufwendiger wären.

Einen dritten Nutzen der Raumfahrt sieht Ulf Merbold in der Beobachtung der Erde: „Da jagt eine Schönheit die andere.“ Er hat schon mal angeregt, man solle Politiker ins All schießen: „Das hätte bestimmt eine heilsame Wirkung auf ihr Umweltbewusstsein.“

Veröffentlicht in: Neue Rhein Zeitung/Neue Ruhr Zeitung

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