Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

9Sep/110

Nicht mehr Affe, noch nicht Mensch

Zwei Skelette schreiben die Geschichte der menschlichen Evolution um

Von Björn Lohmann

Sie könnten den Ahnenbaum der Menschheit durcheinander bringen, ebenso wie manche Theorie über die menschliche Evolution: 2008 fanden Archäologen in Südafrika die gut erhaltenen Skelette zweier primitiver Hominine der bis dahin unbekannten Spezies Australopithecus sediba. Im April letzten Jahres stellten die Forscher erste Details über ihren Fund der Öffentlichkeit vor (die NRZ berichtete). Heute widmet sich das Fachmagazin „Science“ in gleich fünf Artikeln den Erkenntnissen, die mehr als 80 Wissenschaftler aus Deutschland, den USA, Großbritannien, der Schweiz und Südafrika seitdem aus den Knochen gewonnen haben.

Das fehlende Glied

Schon bald nachdem im August 2008 der neunjährige Matthew zu seinem Vater rief: „Papa, ich habe ein Fossil gefunden!“, ahnte der Paleoanthropologe Lee Berger, dass vor ihm eine Sensation lag: das fehlende Glied in der Entwicklung vom Affen zum Menschen. „Die vielen fortgeschrittenen Eigenschaften, die im Gehirn und im Körper gefunden wurden, zusammen mit dem frühen Zeitpunkt, machen ihn zum wahrscheinlich besten Kandidaten für den Vorfahren unserer Art – der Art Homo –, mehr als bisherige Entdeckungen wie Homo habilis“, resümiert Berger. Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass sich der erste unstrittige Vorfahre des modernen Menschen, der Homo erectus, aus dem Homo habilis oder dem Homo rudolfiensis entwickelte. Jetzt gilt der 1,977 Millionen Jahre alte Australopithecus sediba vielen Experten als Bindeglied der menschlichen Evolution.

Aus Größe und Form der Schädelkapsel haben die Forscher Eigenschaften des Gehirns abgeleitet. Die Größe ähnelt eher einem Affenhirn, doch Strukturen wie die des Stirnlappens deuten bereits auf einen funktionellen Wandel zum menschlichen Gehirn. So bringt der Skelettfund die etablierte Theorie ins Wanken, der zufolge sich das Gehirn beim Wandel vom Australopithecus zum Homo schrittweise vergrößerte. Vielmehr, so scheint es jetzt, entwickelte das Hirn bereits moderne Fähigkeiten, bevor sich der Schädel vergrößerte.

Eine ähnliche Überraschung bot das Becken: Dessen Vergrößerung beim Menschen schrieben Anthropologen bislang zwei möglichen Ursachen zu – dem aufrechten Gang oder dem größeren Gehirn, das bei der Geburt hindurch passen muss. „Was an Sediba cool ist, ist, dass ihre Becken sich bereits von anderen Australopithecus-Arten unterscheiden, und dennoch haben sie ein kleines Hirn“, erklärt
Forscher Steven Churchill. Es sei schwer, sich vorzustellen, dass dahinter nicht eine Veränderung der Fortbewegung stehe.

Ein einzigartiger Gang

Auch Füße und Hände weisen die Mischung moderner und primitiver Eigenschaften auf. Offenbar konnte der Australopithecus sediba durch Bäume klettern, praktizierte aber auch einen einzigartigen zweibeinigen Gang. Die Sensation komplett machen die für Affen ungewöhnlich kurzen Finger mit eher langem Daumen, erläutert Tracy Kivell vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie: „Unser Team interpretiert das als eine Hand, die fähig ist, Werkzeuge zu benutzen und herzustellen.“

Veröffentlicht in: Neue Rhein Zeitung/Neue Ruhr Zeitung

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