Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

28Apr/110

Sieben Milliarden – und weiter steigend

Bevölkerungsprognosen haben mit großen Unsicherheiten zu kämpfen. Wie viele Menschen die Erde aber überhaupt tragen kann, hängt vom angestrebten Lebensstil ab.

Björn Lohmann

9,1 Milliarden Menschen werden im Jahr 2050 auf der Erde leben: Das schätzten die Vereinten Nationen in ihrer letzten Projektion für die Entwicklung der Weltbevölkerung im Jahr 2009, und in Kürze soll eine aktualisierte Schätzung sogar bis ins Jahr 2100 reichen. Dabei hatte schon die letzte Prognose vor zwei Jahren eine Unsicherheit von plus/minus einer Milliarde. Eine mögliche Abweichung von rund elf Prozent – bezogen auf den reinen Zuwachs an Menschen sogar von bis zu 50 Prozent – klingt enorm. Dabei könnte die Abweichung von der tatsächlichen Bevölkerungszahl noch viel größer ausfallen.

Niemand kann sagen, wie viele Menschen aktuell auf der Erde leben. Allein der anstehende Zensus in Deutschland könnte feststellen, dass die Bundesrepublik 1,5 Millionen Einwohner weniger hat, als jetzt noch offiziell angenommen, vermuten Experten: Doppelmeldungen, illegale Einwanderer und weitere Faktoren verfälschen die Zahlen. Und gerade für viele bevölkerungsreiche Länder liegen überhaupt keine Daten vor: "In der Elfenbeinküste oder anderen Konfliktländern werden Kinder gar nicht gemeldet, oder die Datensätze sind nicht abrufbar", erklärt Ute Stallmeister von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW). Und nicht allen Zahlen könne man trauen. Mit Blick auf die aktuelle Volkszählung in China fragt die Expertin: "Wer zählt dort? Sind die Ergebnisse politisch beeinflusst?"

Wo keine offiziellen Zahlen vorliegen, versuchen Demografen aus Studien ein Gesamtbild zu ermittelt. Demografische Erhebungen sowie Sterbe- und Geburtenraten bilden Teile des Puzzles. Doch auch hier lauern Unwägbarkeiten: "Indien ist es gelungen, die Zahl der HIV-Infizierten in relativ kurzer Zeit von 44 auf 33 Millionen zu senken", berichtet Stallmeister. "Das hat große Auswirkungen auf Sterblichkeitsprognosen."

Generell schauen Demografen allerdings häufiger auf die Geburtenrate. "Wenn man das Bevölkerungswachstum begrenzen möchte, ist das die bessere Stellschraube", merkt die DSW-Fachfrau an. Die Szenarien der Bevölkerungsdivision der Vereinten Nationen unterscheiden sich daher vor allem in der Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich bekommt. Ziemlich genau zwei Kinder sind das im mittleren Szenario. Bei zehn Milliarden Menschen 2050 rechnet die Uno mit 2,56 Kindern je Frau, beim niedrigen Szenario von nur acht Milliarden Menschen erwartet sie 1,5 Kinder. Das wäre nur etwas mehr als heute in Deutschland. "Dieses Szenario ist so optimistisch, dass es praktisch nicht kommuniziert wird", sagt Stallmeister.

Der Jugendbauch als Wachstumsturbo

Grundsätzlich seien sich die meisten Demografen heute einig, wie sich die Weltbevölkerung nach dem Boom durch die Grüne Revolution weiter entwickeln wird, sagt John Bongaarts, Vizepräsident der gemeinnützigen Forschungseinrichtung Population Council in New York. Zunächst sinke die Sterblichkeit, weil sich global Hygiene und medizinische Versorgung verbesserten. Mit Bildung und Wohlstand verringere sich dann die Zahl der Geburten. Doch selbst dieses einfache Konzept birgt Überraschungen: In Kenia beispielsweise gebaren Frauen lange Zeit acht Kinder, dann fiel die Zahl infolge von Entwicklungsarbeit auf fünf. "Zwischen 2000 und 2005 stagnierte der Trend allerdings, und wir wissen nicht, warum", so Stallmeister.

Selbst wenn sich heute alle Frauen entschieden, im Durchschnitt nur noch zwei Kinder zu bekommen, würde die Bevölkerung weiter wachsen, denn in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist heute der Anteil junger Menschen sehr hoch. Um den Nachwuchs dieser Menschen in der Geburten- und Sterbebilanz auszugleichen, müssten weit mehr alte Menschen ihr Lebensende erreichen, als heute überhaupt dort leben. Erst, wenn die größte Gruppe des gesamten Altersspektrums selbst zur ältesten Fraktion geworden ist, wäre demnach das Bevölkerungsmaximum erreicht.

Auseinander gehen die Expertenmeinungen auch darüber, was passiert, wenn das Gleichgewicht erreicht ist, wenn also weltweit so viele Menschen geboren werden wie sterben. Bleibt das Niveau dann dauerhaft stabil? Sinkt die Bevölkerungszahl, weil – wie in Deutschland – immer weniger Kinder geboren werden? Oder gibt es äußere Faktoren, die die Weltbevölkerung gar rapide kollabieren lassen?

Auf dem Weg zum Kollaps?

Die meisten Experten rechnen damit, dass nach dem Höchststand – wo immer dieser liegen mag – die Bevölkerung stetig weniger wird und sich irgendwann um ein stabiles Niveau bewegt. Über dessen Höhe gehen die Meinungen allerdings auseinander. Hingegen hat bereits 1972 der Club of Rome mit den "Grenzen des Wachstums" Szenarien vorgelegt, in denen eine Kombination aus fehlender ökologischer Nachhaltigkeit und wachsender Weltbevölkerung zu einem globalen Kollaps in der Mitte dieses Jahrhunderts führt. Graham Turner, Wissenschaftler am australischen CSIRO, hat die historischen Daten für die Jahre 1970 bis 2000 mit den wichtigsten Szenarien der "Grenzen des Wachstums" verglichen. Die Realdaten passen demnach am besten zum "Business-as-usual"-Szenario, das zum Kollaps führt. Am weitesten entfernt war die tatsächliche Entwicklung dieser drei Jahrzehnte von jenem Szenario, das in eine Stabilisierung münden soll.

Auch der Geologe Colin Campbell vom Oil Depletion Analysis Centre in London rechnet mit einem rapiden Einbruch bei der Weltbevölkerung. Seine These: Öl hat als Energiequelle ganz wesentlich zur wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch zur landwirtschaftlichen Produktivität beigetragen. Doch die maximale Fördermenge könnte nach Meinung vieler Experten heute schon überschritten sein. Mit dem Schwinden des Öls beziehungsweise dessen Verteuerung, so Campbell, schwinde auch die Zahl Menschen, die wir versorgen können.

Vor diesem Hintergrund wäre es von erheblicher Relevanz, ob 2050 acht, neun oder zehn Milliarden Menschen leben werden. Die Vereinten Nationen unterstützen daher Volkszählungen mit Rat und Tat – wenn auch nur selten mit Geld. Die nächste Bevölkerungsprojektion werde versuchen, die ungenaue Datenlage mit rein stochastischen Methoden zu umgehen, berichtet Ralf Ulrich, Direktor des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung an der Universität Bielefeld. "Aber das führt nur zu größerer Unsicherheit", kritisiert er.

Selbst auf dem Lebensstandard vieler Entwicklungsländer ist der Umwelteinfluss von einer Milliarde Menschen enorm. Sie benötigen Nahrung, Wasser und Energie, und tragen dadurch direkt oder indirekt zu Klimawandel, Erosion und Verlust der Artenvielfalt bei. De facto allerdings streben die meisten Menschen nach dem Wohlstandsniveau der Industrienationen. Und da ist schon mit den heutigen knapp sieben Milliarden klar: So funktioniert es nicht. Der Planet Erde kann nur eine endliche Zahl erneuerbarer Ressourcen innerhalb eines Jahres nachhaltig erzeugen und eine bestimmte Menge Umweltverschmutzung wegstecken. 2010 hat die Menschheit diese Menge bereits am 21. August verbraucht. Den Rest des Jahres lebten wir auf Pump.

Bildung für die Frauen als Wachstumsbremse

Noch 2008 lag dieser so genannte "Earth Overshoot Day" – der Tag der ökologischen Verschuldung – auf dem 21. September. Und bereits Mitte der 1980er Jahre hatte der Mensch die maximale Biokapazität der Erde erstmalig komplett ausgenutzt. Seitdem ist der Bedarf linear weiter gestiegen, wie ein Blick in den Living Planet Report zeigt. 2007 hätte die Menschheit schon 1,5 Erden benötigt, um ihre Ansprüche dauerhaft bedienen zu können. 2030, so schätzt das Global Footprint Network, bräuchten wir zwei Erden. Damit unsere Zivilisation nicht langfristig kollabiert, muss der Durchschnittsbürger weniger Ressourcen verbrauchen und die Umwelt weniger beeinträchtigen – oder die Bevölkerung muss sich verringern. Anders gesagt: Je stärker die Weltbevölkerung sich vermehrt, desto mehr Einschnitte muss der westliche Lebensstandard hinnehmen – oder desto weniger Menschen ist er zugänglich. Globale Konflikte scheinen da programmiert.

Was lässt sich also tun, um das Bevölkerungswachstum zu beeinflussen? "Wichtige Hebel sind die Bildung der Mädchen und die Stärkung der Rolle der Frau in der Gesellschaft", erklärt DSW-Expertin Stallmeister – und Zugang zu Verhütungsmitteln. "75 Millionen Schwangerschaften in Entwicklungsländern sind jedes Jahr ungewollt", berichtet Stallmeister – mehr als jede dritte.

Dabei haben nun auch die Weltreligionen die Bedeutung der Familienplanung erkannt – zumindest inoffiziell. "Im islamisch geprägten Pakistan gibt es inzwischen bevölkerungspolitische Programme", berichtet Stallmeister. Und schon bevor der Papst einzelne Ausnahmen vom Kondomverbot ermöglicht hat, reagierten christliche Gemeindeoberhäupter in Afrika und anderenorts auf die HIV-Problematik: "Sie würden in ihrer Predigt nie offiziell Kondome befürworten", erzählt Stallmeister, "aber sie schicken ihre Gemeindemitglieder zu Entwicklungshilfeorganisationen, von denen sie genau wissen, dass dort über Familienplanung gesprochen wird."

Veröffentlicht auf: Spektrum.de

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