Wissenschaftsjournalist Björn Lohmann Wissenschaft und Technik, Medizin und Umwelt

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Wegbereiter für neue Krebstherapie und Impfstoffe

Nobelpreis für Medizin würdigt Forschungen zum Immunsystem

Von Björn Lohmann

Wir wären permanent krank und würden nicht sehr alt, wenn unser Körper nicht mit dem Immunsystem über eine hoch wirksame Abwehr gegen Krankheitserreger verfügen würde. Für wesentliche Erkenntnisse darüber, wie dieses Abwehrsystem funktioniert, wurden ein US-Amerikaner, ein Luxemburger und ein Kanadier gestern mit dem 101. Nobelpreis für Medizin geehrt. Sie ebneten den Weg für neue Impfstoffe und einen vielversprechenden Ansatz im Kampf gegen Krebs.

Der französisch-luxemburgische Mediziner und Zellbiologe Jules Hoffmann (70) von der Uni Straßburg entdeckte 1996, dass Fruchtfliegen nicht mehr in der Lage waren, Infektionen mit Pilzkrankheiten oder Bakterien zu überleben, wenn ihnen ein bestimmtes Gen fehlte. Er konnte nachweisen, dass dieses Toll-Gen eine entscheidende Rolle im Immunsystem spielt. Es aktiviert die sogenannte angeborene Immunität: Sensoren an den Zellen des Körpers erkennen, wenn fremde Organismen eingedrungen sind. Dann lösen die Sensoren eine Entzündungsreaktion aus, die die Erreger zunächst stoppt. Ohne Toll-Gen fehlen die Sensoren.

Zwei Jahre später fand der US-Mediziner und Genetiker Bruce Beutler (53) vom Scripps Research Institute in Kalifornien in Mäusen einen Toll-ähnlichen Sensor (TLR). Trifft dieser Sensor auf einen Zellbestandteil von Bakterien, löst er in Mäusen die gleichen Immunreaktionen aus wie der Toll-Sensor in Fruchtfliegen. Es wurde klar, dass es sich um einen universellen Mechanismus handelt, der auch im Menschen die erste Barriere gegen Infektionen bildet.

Die zweite Barriere des Immunsystems entdeckte der am Freitag verstorbene kanadische Immunologe Ralph Steinman (68) von der Rockefeller Universitiy in New York bereits 1973: die sogenannten
dendritischen Zellen. Der bis dahin unbekannte Zelltyp bildet die Grundlage des adaptiven (erworbenen) Immunsystems. Die Zellen nehmen Bestandteile von Erregern auf und präsentieren Tage später
an ihrer Oberfläche erregertypische Merkmale in hoher Zahl. Dadurch lernen die weißen Blutkörperchen schneller, den aktuellen Erreger zu erkennen und abzutöten. Zudem bilden die Zellen das Gedächtnis des Immunsystems und beschleunigen den Angriff auf bereits von früheren Infektionen bekannte Erreger. Steinman konnte später zudem zeigen, wie den dendritischen Zellen die Unterscheidung gelingt, weiße Blutkörperchen nur gegen Fremdkörper zu aktivieren, nicht aber gegen körpereigene Stoffe.

Angeborene und adaptive Immunität sind ein starkes System: Die angeborene Immunität reagiert schnell auf Infektionen und bremst deren Ausbreitung. Das adaptive Immunsystem reagiert langsamer,
kann aber die Infektion gezielt bekämpfen. Das Verständnis dieser Abläufe hat es ermöglicht, neue Impfstoffe zu entwickeln. Dazu zählt auch ein Ansatz, bei dem das Immunsystem lernen soll, einen
vorhandenen Krebs selbst zu bekämpfen und zerstören.

Veröffentlicht in: Neue Rhein Zeitung/Neue Ruhr Zeitung

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